Aus Sicht von Anlegern im Euroraum sprechen derzeit mehrere Faktoren für europäische Aktien gegenüber US-Titeln. Ein wesentlicher Vorteil liegt in der Bewertung: Europäische Aktien sind aktuell deutlich günstiger als ihre US-amerikanischen Pendants und weisen einen Abschlag von bis zu 30 % auf, zusätzlich entfällt das Währungsrisiko. Gerade im aktuellen Marktumfeld, das von steigenden Aktienkursen und einem zugleich schwächeren US-Dollar geprägt ist, können Wechselkurseffekte die Rendite von Euro-Anlegern bei US-Investments spürbar schmälern. Hinzu kommt die hohe Staatsverschuldung der USA, die inzwischen über dem Wert des US-Bruttoinlandsprodukts liegt. Daraus ergeben sich potenzielle Risiken für die Kapitalmärkte, insbesondere durch tendenziell steigende Zinsen. Diese könnten sowohl die wirtschaftliche Dynamik bremsen als auch die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen verschlechtern.
Aktiv nach europäischen Perlen Ausschau halten
An den Aktienmärkten zeigen US-Indizes derzeit eine deutlich stärkere Entwicklung als europäische Indizes. Vor allem technologielastige Indizes wie der Nasdaq 100 konnten seit Jahresbeginn, angetrieben von der KI-Rally sowie der höheren Widerstandsfähigkeit vieler US-Unternehmen gegenüber der Energiekrise, um über 10% zulegen, während der Euro Stoxx 50 auf der Stelle tritt. Doch der europäische Aktienmarkt bietet attraktive Chancen. Gerade durch eine aktive Investmentselektion lassen sich hier interessante Unternehmen mit hohem Potenzial identifizieren.
Entgegen dem anhaltenden Fokus vieler Anleger auf wachstumsstarke Tech-Giganten sehen wir insbesondere bei europäischen Small- und Mid-Caps sowie bei Value-Titeln attraktive Chancen. Dabei setzen wir gezielt auf Fonds, die in global aufgestellte Unternehmen mit resilienten, profitablen Geschäftsmodellen und überzeugenden Wachstumsperspektiven investieren.
Europa hat noch Hausaufgaben zu machen
Obwohl Europa über viele attraktive Unternehmen verfügt, sehen wir strukturelle Herausforderungen, die überwunden werden müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Ein zentraler Punkt ist die oft lähmende Bürokratie sowie die Trägheit politischer Entscheidungsprozesse. In einer Zeit immer kürzerer Innovationszyklen sowie tiefgreifender technologischer und geopolitischer Veränderungen sind schnelle und flexible Entscheidungen gefragt. Langwierige Abstimmungsprozesse und eine zunehmende Regulierungsdichte bremsen die wirtschaftliche Dynamik und Innovationskraft. Ein Beispiel hierfür ist die Regulierung der künstlichen Intelligenz: Mit dem EU AI Act hat die Europäische Union zwar weltweit Pionierarbeit geleistet und den ersten umfassenden Rechtsrahmen für den Einsatz von KI geschaffen. Gleichzeitig wirken die umfangreichen Vorgaben innovationshemmend und belasten insbesondere kleinere Unternehmen organisatorisch und finanziell stark. Mehr Deregulierung, ein konsequenter Bürokratieabbau sowie ein stärkerer Fokus auf die Förderung von Wachstumskapital sind daher nötig, um Innovation und Unternehmertum in Europa zu stärken. Eine offenere Mentalität unter dem Motto „Einfach mal machen“ sollte Einzug halten: Entscheidungen schneller treffen, neue Ansätze pragmatisch ausprobieren und Anpassungen auf Basis erster Erfahrungen vornehmen, anstatt bereits im ersten Schritt perfekte Lösungen schaffen zu wollen.
Ein weiteres Hindernis ist die hohe Energieabhängigkeit Europas von anderen Weltregionen, insbesondere von den USA und den arabischen Staaten. Vor allem energieintensive Industrieländer wie Deutschland leiden unter den hohen Energiekosten. Um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern, gilt es, den Ausbau erneuerbarer Energien konsequent zu beschleunigen und die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zügig zu reduzieren.
Es könnte an den Märkten dieses Jahr besser laufen, als allgemein erwartet
In diesem Jahr könnten die europäischen Aktienmärkte besser abschneiden als bislang erwartet. Der Iran-Konflikt könnte in absehbarer Zeit an Brisanz verlieren, die USA haben ihr Ziel einer stärkeren Kontrolle der Ölströme bereits weitgehend erreicht. Auch im Ukraine-Krieg zeichnet sich durch eine zunehmende Bereitschaft zu Verhandlungen eine Kehrtwende ab. Ein möglicher Inflationsanstieg könnte daher eher von vorübergehender Natur sein und die Energiepreise sollten mittelfristig wieder sinken. Die Entwicklung der Gaspreise zeigt beispielsweise, dass die Marktreaktionen nach Ausbruch des Iran-Konflikts deutlich weniger ausgeprägt waren als nach Beginn des Ukraine-Kriegs. Zudem haben die Finanzmärkte den Iran-Konflikt weitgehend eingepreist. Nach dem im April vereinbarten Waffenstillstand erholten sich die Märkte und erreichten teilweise neue Höchststände.
Wir erwarten daher tendenziell sinkende Zinsen sowie eine stärkere Steuerung der Zinsstrukturkurve durch die FED. Durch den rückläufigen Käuferkreis für Staatsanleihen könnte die Fed zunehmend gezwungen sein, als zusätzlicher Käufer aufzutreten. Insbesondere am langen Ende der Zinskurve müssen die Renditen sinken, da andernfalls der Schuldendienst des US-Staates zu einem erheblichen Problem werden könnte.